Was Belgier und Italiener beim Radfahren unterscheidet

Ein Teilnehmerbericht über die erste Etappenfahrt des Club TdC durchs winterliche Allgäu vom 22. bis 26. Mai 2013

Die Wettervorhersage war trostlos. Aber keiner der 12 Fahrer ließ sich davon abschrecken. Mit der kompletten Winter- und Regenausrüstung im Gepäck trudelten alle am Mittwochabend im Starthotel in Illertissen nach und nach ein. Viele kannten sich schon, einige waren zum ersten Mal bei einer Club TdC-Veranstaltung dabei. Nach der kurzweiligen Vorstellung der Teilnehmer hatte man rasch das Gefühl, jetzt kennen wir uns. Zwar war auch das Programm der nächsten vier Tage, das Streckenchef Karl-Otto vorstellte „irgendwie“ von Interesse – noch interessanter war allerdings die Wetter-App auf Franks iPhone. Sie gab immerhin Anlass zu verhaltenem Optimismus. Aber kann man Apple glauben? Wetter wird ohnehin allgemein überschätzt. Für einen richtigen „Gesinnungs-Belgier“, so ließ uns Karl-Otto wissen, gäbe es ohnehin kein schlechtes Wetter. Und „italienische Schönwetterfahrer“ seien wohl nicht dabei.

Kann man Apple vertrauen?

Am nächsten Morgen beginnt es pünktlich zum Frühstück zu regnen. Gepäck verladen und Aufrüsten bei nassen acht Grad (immerhin plus) ist keine schöne Aussicht. Wie durch ein Wunder ist es zum Start aber trocken, allerdings nur kurz, dann gießt es wieder in Strömen. Sollte Apple doch falsch gelegen haben? Es werden für ganze sieben Kilometer die letzten Tropfen an diesem Tag bleiben.

Der Anstieg zum Pfänder mit Blick auf den Bodenseein - in einem seltenen Moment mit Sonnenschein

Über wenig befahrene Nebenstraßen geht es in Richtung Bodensee. Und die Sonne lässt sich immer häufiger blicken. Das wollen alle ausnutzen, fahren ohne Pause durch, die Verpflegung wird aus dem Auto heraus gereicht. Volker, der Fahrer unseres Canyon-Begleitfahrzeuges, entpuppt sich rasch als die gute Seele der Tour. Mit großem Engagement kümmert er sich um unser Wohl. Dazu später mehr. Den Pfänder kennen die meisten als Tunnel, durch den man auf seinem Weg in Richtung Vorarlberg oder Ostschweiz fährt, nachdem man davor eine Stunde im Stau gestanden hatte. Wer die Zeit findet, auch mal drüber zu fahren, sollte es tun. Mindestens so atemraubend wie der schwere, sechs Kilometer lange und meist über zehn Prozent steile Anstieg ist der Blick auf  Lindau und den Bodensee.

Wer glaubt, damit sei es geschafft, wird eines Besseren belehrt. Es dauert noch ungezählte Wellen, bis wir endlich Hittisau, unser erstes Etappenziel, erreichen. Leichter wäre der direkte Weg gewesen. Aber wir entscheiden uns demokratisch für den 15 Kilometer längeren, dafür schöneren Weg. Karl-Otto hatte uns auf einen Zielsprint mit Linie, Schiedsrichter und Ehrung eingestimmt. Am Ende verzichten alle darauf. Als perfekter Organisator lässt er sogar einen Traktor anhalten, der am Schlussanstieg von einem müden Club-TdC-Fahrer regelwidrig zum Anhängen benutzt wird. Das „Vergehen“ bleibt sanktionsfrei, beschließen wir am Abend.

Wer bekommt beim Lesen dieses Menüs keinen Appetit?

Was ein Empfang im Hotel Schiff: Die Räder werden in Empfang genommen, die Zimmer sind vorbereitet und der Begrüßungsdrink steht an der Bar für uns bereit. Das anschließende Fünf-Gang-Menü wird für den Rest der Reise unübertroffen bleiben. Übrigens: keine halbe Stunde nach Ankunft beginnt es zu regnen, kurz darauf geht das Ganze in Schneeregen über.

Eine „unechte“ Königsetappe: ohne den Königsgipfel, dafür ein Ende beim Märchenkönig

Herrlicher Ausblick - für Ski und Rodel

Beim morgendlichen Erwachen sehen wir die Berge um uns herum mit weißem Zuckerguss überzogen. Die Schneefallgrenze war in der Nacht auf 900 Meter gesunken – und wir schliefen auf 800 Meter. Wieder bestimmt die Wetter-App das Frühstückgespräch. Schließlich steht für heute die Königsetappe mit dem höchsten Punkt auf über 1.400 Meter auf dem Programm. Man kann die morgendliche Diskussion über die Route des Tages so beschreiben: wettererprobte Belgier gegen wettersensible Italiener. Die Italiener setzen sich durch, wir entscheiden uns für die etwas längere, dafür garantiert schneefreie Route über Oberstaufen und verzichten großzügig auf den Riedbergpass, der unser höchster Tour-Gipfel gewesen wäre. Ein „Heute-bleiben-wir-bei-dem-Sauwetter-im-Hotel“ steht bei einer Etappenfahrt ohnehin nicht zur Diskussion: man muss raus und durch.

Bei leichtem Graupel (von der Belgier-Fraktion lernen wir: viel besser als Regen, denn Graupel perlt ab und macht nicht nass) ging‘s los, doch schon bald wird es trocken und zwischendurch kommt sogar ein klein wenig die Sonne raus. Beim Blick auf die Berge um uns herum wird aber mehr als deutlich, dass weiter oben nichts Gutes auf uns wartet. Vorbei geht es am Alpsee, durch Immenstadt und Sonthofen in Richtung des nächsten Passes, dem Oberjoch. Da müssen wir drüber. Nach der zweiten Serpentine fängt es wieder leicht zu graupeln an und hört bis auf die Passhöhe von 1.200 Meter auch nicht mehr auf. Gruppendemokratisch entscheiden wir wieder - nach sorgenvollem Blick auf dunkle Wolken - den direkten Weg zum nächsten Etappenziel zu nehmen. Eine gute Entscheidung, wie sich bald herausstellt. Es bleibt bis Pfronten bei Temperaturen um die zwei Grad (immer noch Plus) nass. Wohl dem, der morgens die „große Winterausrüstung“ angezogen hatte.

Am Ende wartet das angekündigte Highlight der gesamten Tour: die Bergankunft auf dem 1.210 Meter hohen Falkenstein. Wie an der Perlenschnur aufgereiht kämpfen sich alle tapfer die 400 Höhenmeter hinauf. Oben angekommen zeigt das Thermometer ein Grad – diesmal aber Minus. Und es schneit dazu ganz leicht. Einige von uns müssen am späten Nachmittag ihr Weltbild überdenken: die Fernsehbilder vom Giro in Italien mit Bergankünften im Schneetreiben kommen uns sehr vertraut vor. Der anschließende Bericht von der Belgien-Rundfahrt bei Sonnenschein lässt uns zweifeln, ob das mit dem Vergleich der beiden Länder und ihren typischen Radfahrern wirklich so stimmt.

Schlemmen wie bei König Ludwig

Die Zimmer des Burghotels sind wirklich etwas besonderes, jedes anders eingerichtet, in einem Stil, ganz nach dem Geschmack von Märchenkönig Ludwig II. Ob der die Saunalandschaft auch genutzt hätte, wissen wir nicht. Aber wir tun es, damit die Kälte rasch wieder aus dem Körper weicht. Hinter einer riesigen Glasfront kann man von dort aus einen herrlichen Blick ins Tal von Pfronten genießen. Wir sehen zwar nur Schnee und Wolken, können es uns aber mit viel Phantasie (und weil auf Postkarten gesehen) gut vorstellen. Der Wein zum Abendessen hat nur unwesentlich weniger Prozente, als die steilste Stelle des Anstiegs, stellen wir fest.

Ski und Rodeln gut – im Mai

Aufbruch von Burghotel Falkenstein bei Schnee

Wieder blicken wir beim Aufstehen am Morgen in viel Weiß. Die Straße ist aber frei und die Wetter-App macht Mut auf Besserung, so wagen wir uns auf die Sättel. Karl-Otto lässt uns wissen, dass drunten im Tal wieder die Sonne scheinen würde. Eine „belgische Spiegelung“ sei das ... meint Christof. So langsam sind die meisten von uns noch nie im Leben einen Berg abgefahren. Mit 15 km/h im Schnitt, wäre man ganz sicher als Erster unten gewesen. Doch dann wird es besser. Schon in Pfronten hat es „frühlingshafte“ vier Grad. Die Streckenführung über Reutte in Tirol, die Planseestrasse bis Ettal ist ein Traum. Bei diesen Temperaturen sind die Straßen weitgehend frei von motorisierten Ausflüglern und gehören uns.

Aufgewärmt geht es in Ettal wieder auf die Räder

Die kurze Cappuchino-Pause am Kloster tut allen gut und bringt wieder etwas Wärme in unsere arktisch durchfrorenen Körper. Garmisch-Partenkirchen mit seinem etwas stärkeren Verkehr lassen wir schnell hinter uns und biegen wenig später ab in Richtung Wallgau (der Heimat von Magdalena Neuner). Die Straße führt vorbei am Walchensee und Kochelsee und ist genauso einsam, wie die meisten anderen zuvor. Nur wenige Minuten lang werden wir von oben nass, ansonsten meint es die Natur gut mit uns – bis auf die nicht mal ansatzweise dem Monat Mai angemessene Temperatur. Die Dynamik der Gruppe ist aber intakt. Das zeigt sich kurz vor Murnau, als fast alle auf die Abkürzung verzichten und den längeren Weg ins Hotel wählen. Auf die begeisterten Ausführungen Karl-Ottos – unserem „Gesinnungsbelgier“ – über die wunderbare Landschaft (die man freilich nur schemenhaft hinter den Wolken erahnen kann) können wir zwar nur noch mit einem kurzen "Ja" antworten. Aber keiner hat die 15 Mehrkilometer am Ende bereut.

Die Leiden in Rot-Weiss und Gelb-Schwarz

Bange Blicke der Bayern-Fans in der ersten Halbzeit ...
... und Glückseeligkeit am Ende

Was folgt, ist ein unvergesslicher Abend. Wie wir alle noch wissen, was wir beispielsweise am Tag des Mauerfalls 1989 gemacht haben, werden Fußballfans in Deutschland noch in zwanzig Jahren erzählen, wo sie das deutsche Champions League-Finale 2013 gesehen haben. Der Club TdC war an diesem sporthistorischen Abend in Murnau im Hotel Alpenhof. Die Tische in der ersten Reihe vor der Großbildleinwand schmückten „Reserviert für Club TdC“-Schilder. Pünktlich zum Anpfiff schaffen wir es nicht, der Nachtisch wird deshalb vor dem Fernseher serviert. Die Sympathien sind gleichmäßig verteilt, nur im Outfit sind die Bayern in Überzahl. Zwei von uns lassen es sich nicht nehmen, in Ledertracht und Bayern-Devotionalien anzutreten. Im tiefsten Oberbayern hat es keiner von uns gewagt, seinen gelb-schwarzen Schal anzuziehen. Fast so interessant wie das Spiel sind die Kommentare. Besonders hervor tut sich dabei Volker, unser Begleiter von Canyon. Als bekennender Bayern-Fan durchlebt er alle emotionalen Tiefen und Höhen dieses Abends und versinkt am Ende in weizengetränkter Glückseligkeit. Wir wollen uns nicht ausmalen, wie sich bei einer (durchaus möglichen) Niederlage der Bayern sein Leiden am nächsten Tag manifestiert hätte.

Ein perfekter belgischer Abschlusstag

Diskussion unter Managern: Welcher ist der richtige Weg?

Der letzte Tag gerät zur Lotterie und sollte am Ende genauso unvergesslich werden, wie das Fußballspiel. Wieder spielt – wie die ganze Tour über – das Wetter die entscheidende Rolle. „Im Allgäu den ganzen Tag ergiebige Regenfälle, Temperaturen um die fünf Grad und starker Nordwest-Wind“, heißt es am Vorabend im Wetterbericht. Wir werden über 160 Kilometer in genau diese Richtung fahren! Die Alternative, sich in die Bahn zu setzen, nutzt nur einer, der ohnehin in das nahe München muss. Alle anderen, die noch fahren können, gehen das Risiko ein. Karl-Otto, unser Daueroptimist, versichert uns, dass wir zumindest bei den vielen Waldpassagen geschützt(er) seien und die von oben kommende Flüssigkeit im Mai nicht mehr am Boden frieren würde. Das macht uns allen Mut! Und es beginnt vielversprechend.

Es dauert fast 100 Kilometer bis der erste Regentropfen fällt. Der kalte Gegenwind und eine nicht enden wollende Zahl mehr oder weniger steiler Wellen (die eine oder andere könnte man auch als Rampe bezeichnen) machen die Tour schon bis dahin trotzdem zu einer Herausforderung. Dann wird der Regen doch stärker und hört bis zum Ziel nicht mehr auf. Aus dem Begleitfahrzeug heraus werden in voller Fahrt heißer Kaffee und Kohlenhydrate unterschiedlichster Art gereicht, Handschuhe gewechselt und auf der Heizung zwischengetrocknet. Allen ist klar, wenn angehalten wird, steigt keiner mehr aufs Rad. Neben Uli, der erkältungsbedingt ohnehin im Auto saß, entscheidet sich nur ein weiterer für den warmen Platz im VW-Transporter an Volkers Seite. Der Rest hält frierend aber tapfer durch. Bei Ankunft im Hotel sind schon die Duschgelegenheiten vorbereitet, das Gepäck parat. Keiner redet mehr ein Wort, alle wollen nur noch warm und trocken werden. Eine Stunde später treffen wir uns alle im Restaurant und sind wieder bester Stimmung. Probleme hatte nur der Koch. Ungezählte Nachschläge an schwäbischer Maultaschensuppe lassen ihn ordentlich ins Schwitzen kommen. 

Das Fazit dieser Etappenfahrt ist ziemlich einheitlich

Die Club TdC-Gruppe vor dem Start am Schlusstag

Das Wetter war wie es war, angesichts der Prognosen allerdings – wenn man mal von den letzten Kilometern absieht – viel besser als erwartet. Stefan meinte sogar, er sei nun abgehärteter als jemals zuvor und fahre jetzt auch bei Regen mit dem Rad ins Büro. Karl-Otto hatte für uns traumhafte Straßen ausgesucht, die uns von Verkehr weitgehend unbehelligt fahren ließen. Die Landschaft konnten wir zwar manchmal nur erahnen, was wir sahen, war aber auf jeden Fall abwechslungsreich. Alle Etappen hatten ihren eigenen Charakter: die Pfänder- und die Königsetappe, die Überführungsfahrt und die Rampentour, wie wir sie nannten. Die Gruppe blieb meist (außer bei Anstiegen und wenn’s dem ein oder anderen gar zu kalt wurde) zusammen, die Stimmung blieb immer gut.

Service wie bei den Profis: Volker bei der allmorgendlichen Starthilfe ...
... und auch zuständig für die Stimmung unterwegs

Ein ganz besonderer Dank gilt Canyon und vor allem Volker, unserem Fahrer des Begleitwagens. Er hat uns die vier Tage mit so großer Leidenschaft und Engagement unterstützt und umsorgt, dass es eine wahre Freude war. Er hat darauf verzichtet, sich selbst aufs Rad zu setzen, um nur für uns da zu sein. Jeden Morgen und Abend kümmerte er sich um die kleinen technischen Problemchen und war erst zufrieden, wenn alles richtig eingestellt war. Das Gepäck fand dank seiner Hilfe den schnellen Weg auf die Zimmer, so dass die Club TdC-Helden der Landstraße sich fast schon wie bei einem richtigen Rennteam fühlen durften, wo man nur fahren muss und andere sich um den Rest kümmern. Wir gönnen ihm schon deshalb den Bayern-Sieg aus vollem Herzen. Nur massieren konnte er (noch) nicht! Schade eigentlich, das lernt er vielleicht bis nächstes Jahr.

Durch das Engagement der Teilnehmer, des Club TdC und Canyon kam der stolze Betrag von 2.500 Euro zusammen, der einem Projekt der „Vor-Tour der Herzen“ zugutekommen wird. Näheres dazu wird im August auf der Club-Website veröffentlicht, wenn der Scheck überreicht wird.

Für die Statistiker (mittlere Werte):

Strecke

KM

HM

Zeit

Temperatur

Do

23.05.

Illertissen-Hittisau

165

2.025

6:40

+3° bis +19°

Fr

24.05.

Hittisau-Pfronten

91

1.110

3:40

-1° bis +10°

Sa

25.05.

Pfronten-Mumau

154

1.280

5:30

0° bis +5°

So

26.05.

Mumau-Illertissen

143

1.605

6:00

+1° bis +9°

Gesamt

553

6.020

21:50

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