Bootcamp mit Mario Kummer - Zypern Mai 2013

Von Weicheiern - Wolken – Selbsterhaltungstrieben
und Fehleinschätzungen

Der Erfahrungsbericht des „Club TdC-Rookies“ Peter Niemann

Ein Trainingslager ist für einen Neuling wie mich ja immer mit vielen „Learnings“ gespickt – und ich habe tatsächlich viel Neues gelernt ...

Das fast komplette Club TdC-Trainingslager Team 2013 mit dem Autor (4.v.r.)

"Weicheier" ...

Letzte Startvorbereitungen am Morgen
Völkerverständigende Pause im zypriotischen Hinterland

Ein Weichei kann auch ein Fünf-Minuten-Ei sein. In einem Club TdC-Trainingslager sind Weicheier aber eine Gruppe von Rennradlern, die beim Anblick pechschwarzer Wolken in den Bergen durch einen rigorosen Schwenk in Richtung Küste abdrehen. Und dabei bergab weniger als 60 Stundenkilometer schnell fahren. Auch fehlt es solchen Weicheiern an Mut, mit dem gebeutelten Volk der Zyprioten in Kontakt zu treten, sich als Deutscher zu outen, der gerne mal bei einem türkischen Kaffee über die aktuellen Sparmaßnahmen diskutieren möchte.

Wahre Helden bestehen im Hotel auch nicht auf ein anderes Zimmer, nur weil eine Rockband mal zur Feier des 40-jährigen Hoteljubiläums etwas lauter spielt. Nein, die Teilnehmer dieses Club TdC-Trainingslagers gehören nicht in diese Kategorie. Sie treten trotz  gebrochener Speiche und stark schleifender Acht im Vorderrad nach Hause. Eine Abholung durch das Notfallfahrzeug käme nie in Frage.

Ich habe auch gelernt, dass sportliche Spitzenleistung nur durch eine konsequente Alkoholbeschränkung möglich ist – außer es handelt sich um Wein zum Abendessen oder, als abendliche Absacker, Metaxa oder Gin-Tonic oder Vergleichbares.

"Clouds" ...

Meteorologische Wolken waren morgens selten zu sehen

Vor dem Trainingslager dachte ich als interessierter Geschäftsmann bei „Cloud“ an endlose Speicherkapazitäten und Sicherheitsprobleme, die es noch zu lösen gilt. Bei einfacherem Denkansatz vielleicht noch an meteorologische Phänomene, die dazu führen, dass die Sonne nicht so scheint wie gebucht – so geschehen den einen oder anderen Tag während unseres Aufenthaltes.

Beide Denkansätze sind für Rennradexperten der Marke „Club TdC“ zu kurz gesprungen. Hier denkt man bei „Clouds“ in erster Linie an den Trainingszustand.

Aus dieser SRM-Cloud erkennt der Experte auf den ersten Blick, dass der Probant tadellos trainiert hat

Egal ob im April 2013 trotz gefühlten fünf Wintermonaten schon 2000 Kilometer auf der Uhr sind oder erst 200 - die „SRM-Cloud“ macht alles nachvollziehbar. Diese Kurbel berichtet bestechungsfrei über Tritt-, Herz- und Puls-Frequenz in Abhängigkeit von Kraft, Höhenmetern, Wetterbedingungen und Essgewohnheiten. Beliebtes und gleichzeitig gefürchtetes Highlight des Tages war die abendliche Cloud-Auswertung. Im Zeitalter von Social Media ist die völlige Transparenz des Individuums auch im Radsport angekommen.

Vorbei sind die Zeiten, in denen man den Mitfahrern erzählte, man habe sich heute mal ohne Anstrengung „im Wohlfühlbereich“ bewegt. Oder nach leidendem Blick im Anstieg den völlig überraschten Kollegen kurz vor dem Gipfel gnadenlos stehen lassen und erzählen, das sei „locker und mit noch viel Luft nach oben“ passiert. Nein, alle können der SRM-Analyse von unserem Trainer, Weltmeister  und Olympiasieger Mario Kummer entnehmen, dass man bei dieser Aktion über dem Limit war und man sich von dieser „Laktatorgie“ während der restlichen Tour nicht mehr erholt hat. Zweifellos macht diese professionelle Art der Analyse ein bewussteres Training möglich. Jeder muss es für sich selbst nur zulassen. Alles eine Frage der Disziplin.

Abends kamen natürlich auch die meteorologischen Wolken des nächsten Tages zur Sprache. Die zu umfahren, war erklärtes Ziel und erforderte regelmäßige Planänderungen – für erfahrene Manager gelebter Alltag. Lernen konnten wir, dass fahren im Regen bei ehrlichen 8 Grad nicht wirklich witzig ist. Richtig, es war ja kein richtiger Regen, es war mehr Hagel. Zum Glück, denn der macht wenigstens nicht nass, der springt an der Kleidung einfach weg. So definierten es alle, die nicht zur Kategorie „Weicheier“ gehören (siehe oben). Gott sei Dank passierte das nur einmal für eine knappe halbe Stunde.

Nahrungsaufnahme während des Radfahrens wird völlig überbewertet

Glückliche Gesichter nach der Kalorienbetankung an der Poolbar

Jeder Sportler weiß, dass bei sechs Stunden auf dem Rad ohne Essen nix geht. Bert Brecht wusste, dass zuerst das Essen kommt und dann - weit abgeschlagen, sozusagen erst in Gruppe zwei - sich die Moral spaßhemmend meldet.

Nicht jeder ambitionierte Club TdC-Fahrradheld hat so ein perfekt funktionierendes Serviceteam um sich wie unser Coach Mario. Der konnte sich – kaum nach ausgiebiger „Feindfahrt gegen die Wetterfront“ eingetroffen - darauf verlassen, dass seine Ehefrau Andrea einen Teller in der Strandbar für ihn bereithielt. Aber etwas Nahrung fanden wir nach getaner Arbeit dann auch.

Die Wirkung von Koffein und Schokotorte während des Trainings kann man nicht hoch genug einschätzen

Es gab für uns Normalos Timeslots, die wir unter Massensprintanstrengungen einzuhalten versuchten: bis 14 Uhr Mittagessen in der Strandbar oder zur Strafe nur noch die reduzierte Snackline bis 16 Uhr. Frank Zappa, seit vielen Jahren tot, die Älteren unter uns erinnern sich noch an ihn, meinte dazu: There ain't no way to avoid that trouble coming every day ...

Eigentlich scheint es in einem All-Inclusive-Club 24 Stunden lang etwas zu essen zu geben - ja, das Geschäftsmodell scheint aus unbegrenzter Nahrungsmittelproduktion zu bestehen. Und wir als Club TdC-Toptrainingskalorienverbraucher nahmen es ausgiebig bis zum späten Poolbarbesuch mit vielen inkludierten Drinks gerne in Anspruch.

So sehen glückliche Club TdC-Recken nach getaner Arbeit aus

Aber das ist es gar nicht, worüber ich berichten wollte. Ich wollte eigentlich von ausfahrt­bedingten Nahrungsaufnahmen beim Frühstück und Hamstereien für die anstehende Etappe des Tages berichten.

Also, Mario – den wir als Vorbild natürlich genauestens beobachteten – nimmt mindestens zwei Brötchen mit Banane zum Frühstück. Und das obwohl ich hörte wie ein hochambitionierter Triathlet am Nachbartisch sein Geheimnis verrät: nie Banane im Wettkampf, da macht der Magen gleich zu. Wieder ein Learning: es geht offensichtlich auch mit Banane.

Andere wie Karl-Otto verfolgen einen ganz anderen Ansatz: noch vor dem Aufstehen drei gekochte Eier - auch gefroren, wenn es sein muss.  Und dass es durch uns Club TdC-Fahrradhelden nicht ab dem vierten Tag am riesigen Aldiana Frühstücks­schlaraffenlandbuffet zu einem Müsli-Engpass kam, wundert mich jetzt noch.

Letzte professionelle Tipps und Anweisungen für den "Schlusssprint"

Ich nehme zwei Rühreier und alles was es so drumrum gibt und bin nicht sicher, ob es über den Tag helfen wird. Denn neben mir werden schon kleine Staniolpakete mit belegten Brötchen, Käsestückchen, Keksen, Aprikosen und Nüssen gepackt. "Feigen sind eigentlich immer ganz gut", sagt Mario, "da ist ordentlich Zucker drin." Sofort greife ich die Idee auf und verstau sie als Geheimwaffe gegen den zu Recht gefürchteten Hungerast in meiner Trikottasche - besser noch'n paar Aprikosen dazu, oder? – es ist ja all included. Ein anderer Club TdC-Recke bringt mich wieder ins Schwanken. Essen während des Trainings würde völlig überschätzt, ist seine These, die er ohne Nennung fundierter wissenschaftlicher Quellen äußert. Zu Schätzungen im Club TdC gleich mehr.

Es wird so vieles überschätzt – nicht nur im Club TdC

In einigen Punkten waren sich alle Club TdC-Fighter einig.  In der landläufigen Auffassung von unsensibilisierten Mobilitätsdinosauriern werden viel zu viele Dinge in ihrer Bedeutung einfach überschätzt. Deshalb hier zur Entfachung einer national unbedingt notwendigen Diskussion über Notwendigkeiten und vernachlässigungswürdigen Details eine kleine Liste von gefährlichen Fehleinschätzungen im Allgemeinen und im Club TdC im Besonderen.

Der Stil geht beim Club TdC eindeutig vor Geschwindigkeit.

· Mathematik wird überschätzt: 60 geteilt durch 6 ergibt eigentlich 12. Die Begründung erspare ich jetzt den geneigten Lesern.

· Geschwindigkeit wird beim Rad fahren generell überschätzt. Eigentlich geht Stil vor Zeit, zumindest im Club TdC. Manchmal jedenfalls.

· Reden wird seit Jahrhunderten überschätzt. Das gilt nicht für Völker nördlich der Elbe, die wissen das schon lange. Ursprünglich war diese Gegend ohnehin nie für eine Besiedelung vorgesehen. Als Kieler weiß ich, wovon ich rede. Es gilt vor allem für Radfahrende am Berg.

· Flüssigkeitsaufnahme in Trainingsphasen und in geselligen Runden wird erst seit kurzem wissenschaftlich unter Vorbehalten anerkannt, sollte hier aber beispielhaft für andere gefährliche Aberglauben erwähnt werden, über die im Laufe der Woche kontrovers diskutiert wurde. Die Nahrungsaufnahme wurde ja bereits oben erwähnt.

· Die Chancen auf die finanzielle Rettung der Insel werden überschätzt. Manfred, mit seinem untrüglichen Verständnis für die großen volkswirtschaftlichen Zusammenhänge Europas, stellte nach der Bezahlung von 1 Euro 60 für einen Espresso und einer Dose Coca Cola in einem zypriotischen Landcafé sachlich fest: „So werden die hier nie schuldenfrei.“

· Trainingscamps werden gesellschaftlich hoch anerkannt, aber von den Beteiligten hoffnungslos überschätzt – außer denen des Club TdC’s mit Mario Kummer!  

Newsletter bestellen

Sie wollen auf dem Laufenden bleiben?

Dann tragen Sie sich in unseren Newsletter ein! Ca. 4x im Jahr bekommen Sie dann ganz automatisch unsere aktuellsten Informationen.

Newsletter bestellen