Der Club TdC beim Maratona Dles Dolomites 2016 - ein persönlicher Erfahrungsbericht von Matthias Pilz

Nach einem großartigen Dolomiten Event des Club TdC im Jahr 2015 rund um den Maratona Dles Dolomites waren sich alle einig, dass dies nach einer Wiederholung bzw. Fortsetzung schreit. Der Maratona Dles Dolomites gilt als der beliebteste der Italienischen Grand Fondos mit über 30.000 Bewerbern auf 9.000 heißbegehrte verloste Startplätze. Dank der Verbindung von Frank Hammel und unseres sportlichen Leiters Mario Kummer zu keinem geringerem als Fausto Pinarello höchstpersönlich, stand uns auch in diesem Jahr ein Kontingent von 20 Startplätzen im gleichnamigen Pinarello-Startblock zur Verfügung.

Die Vorbereitungsphase war neben dem mittlerweile professionalisierten „Tapering“ (Danke an den Coach) geprägt von bangen Blicken auf die Wettervorhersagen. Denn das Wetter hat im Sommer 2016 so einige Überraschungen für den alpinen Süden bereitgehalten - ganz im Gegenteil zum sonnenverwöhnten Norden Deutschlands.

Nach der Ankunft in unserem vom letzten Jahr bestens vertrauten Domizil, dem Hotel Gran Ciasa in Colfosco bestand die erste Amtshandlung in - na klar – einer Vorbelastung: Ohne 2 x EB kein gutes Rennen, so zumindest die Theorie. Für die mit Fragen des Rad-Trainings nicht so Bewanderten: gemeint ist der Entwicklungsbereich. Das anschließende Abendessen ließ (wie übrigens während des gesamten Events) keine Wünsche offen. Voraussetzung war aber, dass man die vortägige Essensauswahl korrekt vermerkt, sich gemerkt und auch am gleichen Tisch wieder seinen Platz eingenommen hatte ...

Unser sportliches Leitungsteam, vertreten durch Karl-Otto Walz (zur Unterscheidung von seinem Sohn auch „Senior“ Walz genannt) weihte uns dann noch mit heiserer Stimme und produktivem Husten in die wichtigsten Details für den Renntag ein. Besonders wichtig: Frühstück ab 4:30 Uhr.

Anschließend setzte der Rennvorbereitungsmodus ein. Was zieh ich bloß morgen an? Check der Wetter App: Morgens kalt und evtl. Regen, dann bis zu 20 Grad, später Regen. Super. Es wird das Trikot mit den großen Taschen werden ...  Dann die Startnummer vorne ans Rad fummeln - gar nicht so einfach, wenn der Garmin Halter seinen Platz behalten soll. Morgens am Start zeigten die Profis wie man das macht, einfach ein sauberes rechteckiges Loch in die Startnummer schneiden. Eigentlich ganz einfach! Endlich ist alles erledigt. Das EM-Spiel Deutschland gegen Italien passt aber so gar nicht in die Rennvorbereitung. Denn dank mangelnder Chancenverwertung kam wie es kommen musste: Dummes Handspiel im Strafraum, Elfer Italien, Verlängerung, ... und zumindest für mich der Schlusspfiff, schließlich sind es ja nur noch 5 Std bis zum Frühstück (mein Coach wäre stolz auf mich).

Noch bevor einer der mindestens 4 Wecker klingelt, sind mein „Roommate“ Thomas und ich auch schon wach. Kicker Online bestätigt meine Vorahnung - es gab Elfmeterschießen und Deutschland hat tatsächlich gewonnen 6:5. Wenn das kein guter Start in den Tag ist. Nach 6 Espresso und ein paar Bissen im Bauch, geht‘s zur Einkleidung. Hier sitzt mittlerweile jeder Handgriff: Chamois Creme, Sonnencreme, Gels links hinten, Handy rechts hinten, Regenjacke in der Mitte. Dabei sendet das Fernsehen - wer hätte es um 5:30 Uhr vermutet - die Wiederholung des Elfmeterschießens. Es läuft!

5:45 Uhr „sharp“ dann Treffen zur Abfahrt. Und siehe da, alle TdCler sind pünktlich. Wenn es um etwas geht, sind auch die Leader von heute und morgen pünktlich zur Stelle! Leider muss unser Notfallmediziner und sportlicher Event-Leiter seiner Erkältung Tribut zollen und bleibt lieber im Bett. Respekt vor der Entscheidung und ein gutes Vorbild für uns alle, trotz radsportlicher Ambitionen auf die Signale des Körpers zu achten.

Aus allen Himmelsrichtungen strömen Rennradler, dick eingepackt in Regenjacken, Müllsäcken und alten Pullis, zum Startort in La Villa. Bei der Anfahrt nach La Villa dann der erste Stop und Erinnerungen an meine erste Teilnahme im Vorjahr: Da habe ich Minuten auf dem Campalogno Pass im „Stau“ gestanden. Das soll mir in diesem Jahr nicht wieder passieren. Nach Überwindung dieses ersten Hindernisses, dann auch gleich die steile Abfahrt über die Katzenmauer „Muir dl Giat“ (20% Gefälle). Erstes Oh je: Hier müssen wir 5 km vor Schluss wieder hoch. Und zweites Oh je: Straße nass - da bremsen die „Leichtgewicht“-Laufräder schon gleich gar nicht mehr so gut. Zum Glück fährt neben mir der Profi - Mario Kummer, unser sportlicher Leiter – der mir den Rat gibt „einfach immer Bremse auf und zu stottern“. Ein guter Tipp, aber 30 Sekunden später setzt schon der erste Krampf in der Hand ein. Das kann ja spaßig werden....

Verteilt auf verschiedene Parkplätze der Gondelbahnen steht am Start eine bunte Masse Mensch mit jeder Menge exklusivem Material. In der Ferne hört man schon die Hubschrauber mit den TV Kameras heranfliegen, der  Spaß wird bei RAI3 sogar live im Fernsehen übertragen! Dann ein weiterer Hubschrauber mit der Hänge-Kanone für den Startschuss. Spätestens jetzt steigt die Spannung und damit auch der Ruhepuls. Dann ein ohrenbetäubender Kanonenschuss und ... nichts passiert. Wir stehen geschlagene 20 Minuten auf der Stelle bis wir im Tretroller-Modus die ersten Meter zurücklegen. Nach weiteren 10 Minuten überqueren wir endlich auf dem Carbonesel sitzend die Startlinie, ein kurzes Piep, die Zeit läuft. Schön ruhig bleiben, Flow finden.
Nach Corvara geht es im großen Pulk und dann wartet auch schon der erste Pass auf uns, der Campalogno. Was wollte ich nochmal? Ach ja, Staus vermeiden. Also schön die linke Spur wählen und zügig hochfahren. Und der Rest der Club TdCler ? Niemand zu sehen im Gewusel. Kurze Zeit später fegt auch schon das „Kraftwerk“ Uwe aus Hannover links an mir vorbei, gut zu erkennen an dem knall-orangenen Helm. Wir sehen uns dann im Ziel bei einem Weizen!

Langsam aber sicher zieht sich das Feld auseinander, Zeit mal auf die Rückennummern der anderen Fahrer zu schauen. Wahnsinn, wo die alle herkommen: Neuseeland, Australien, USA, Taiwan, Brasilien, Niederlande, Belgien und in auffällig großer Zahl aus Großbritannien. Deutsche sind hier eher weniger vertreten. Am auffälligsten sind aber selbstverständlich die einheimischen Italiener: Ob jung oder alt, dick oder dünn, fast alle tragen neonfarbene Trikots ihrer lokalen Teams, fahren edle italienische Carbon-Renner und sind durchweg wild gestikulierend in lautstarke Konversationen mit ihren italienischen Mitstreitern verwickelt. 

Eine rasante Abfahrt später wartet schon der Passo Pordoi auf uns. Flach gibt es hier nicht. Hier treffe ich Mitstreiter Chris, ein kurzes „Hi, alles klar ?“ und weiter geht es im Rhythmus „Trittfrequenz 80“. Dann geht es Schlag auf Schlag: Nach dem Pordoi hetzen wir auch schon das Sellajoch hoch. Dann plötzlich ein merkwürdiges Geräusch am Vorderrad. Flapp, Flapp, Flapp.... Der nette Brite neben mir hat schon die Fern-Diagnose parat: „ Hey, you have a flat !“. Großartig, Rennen gelaufen. Das Kleben von Schlauchreifen war nicht Bestandteil des Trainingsplans. Ein Blick auf den Reifen gibt jedoch glücklicherweise Entwarnung - es hat sich nur ein schwarzes Klebeband auf den Mantel gelegt. Puuh, Glück gehabt! Kurze Zeit später ein sehr vertrautes Gesicht, mein Zimmergenosse Thomas. Auch auf dem Rad harmoniert es gut, so dass wir ab hier den Maratona weiter gemeinsam in Angriff nehmen.

Nach dem Grödnerjoch sind wir auch schon einmal um das Sella Massiv herum und die zweite Überquerung des Campalogno folgt. Dann der lange Transfer zum Scharfrichter des Maratona - dem Passo Giau. Erinnerungen werden wach an das Vorjahr, in dem wir uns bei Temperaturen über 30 Grad dort hochgequält haben. Mit einer durchschnittlichen Steigung von knapp unter 10% und ewig anmutenden langen steilen Graden ein echter Härtetest, vor allem für den Kopf. Hier reifte im letzten Jahr eine für mich wichtige Materialentscheidung: Ich habe mir ein 32er Ritzel zugelegt und nicht bereut! Der runde Tritt lässt mich über das gelegentliche Lästern meiner Club TdC - Mitstreiter locker lächeln.

Im Wechsel pushen wir uns den Passo Giau hoch und sind froh oben bei der Verpflegung einmal vom Rad steigen zu können. Hier haben wir dann auch endlich auf unsere Mitstreiter Uli und die beiden Michaels aufgeschlossen, die aber Ihre Pause grad beendet haben und schon wieder einklicken. Obwohl wir uns im Land der kulinarischen Köstlichkeiten befinden, bieten die Verpflegungsstationen auch nur die übliche süße Unterstützung. Mein Magen und auch meine Beine verlangen allerdings dringend nach etwas Salzigem. Da hilft nur meine Notportion Nasenspülsalz (mein persönlicher Geheimtipp, da schon perfekt abgepackt in kleinen Beuteln). Wir teilen es brüderlich.

Eine rasante Abfahrt später stehen wir auch schon vor der nächsten Prüfung: Der Falzarego. Nicht ganz so steil, aber nach 117km in den Beinen auch kein Selbstläufer. Ziemlich am Limit komme ich oben an. Doch Vorsicht, hier geht es nach kurzer Abfahrt auch schon wieder knapp 1 km bergauf auf den Valparola Pass. Hier entwischt mir Thomas, der noch ein paar Körner mehr zu haben scheint. Fast geschafft, nur noch 20km liegen vor uns. In der Abfahrt mache ich wieder Boden gut und schließe auf Thomas und auch Uli auf. Dann der Schreck: 10 km vor dem Schluss mitten in der Abfahrt entwickelt sich ein fieser Krampf im rechten Oberschenkel. Nichts geht mehr...oder etwa doch? Uli macht mir Mut: „Noch 10 km, das schaffst Du jetzt auch noch“. Ich häng mich hinten ran und beiße auf die Zähne. Uli zieht mich bis zur Muir dl Giat - ja genau die Rampe von heute Morgen mit der 20% Steigung. Ob das gut geht mit dem Krampf ? Ich halte schon einmal nach netten Menschen am Straßenrand Ausschau, die mich zur Not auffangen können, denn normales Ausklicken und Absteigen ist hier nicht drin. Ich stampfe im Wiegetritt mit Tunnelblick hinauf und schaffe es tatsächlich ohne weiteren Krampf. Oben wartet zum Glück mein Edelhelfer Uli und zieht mich auf der letzten Rille ins Ziel. Geschafft!

Das Streckenprofil des Maratona Dles Dolomites
Neben der Strecke über 138km mit 4230 hm werden auch kürzere Strecken über 106km mit 3130 hm und 55km mit 1780hm angeboten.

Im Ziel stoßen wir rasch auf den Rest der Club TdC-Truppe. Die Freude über meine Zeit wird beim Anblick unserer Nachwuchshoffnung „Baby“ Walz schnell relativiert, der schon längst geduscht im Zielbereich auf uns wartet. Kurz darauf rauscht auch schon unsere 2. Vorsitzende Ilse durch das Ziel - als Zweitbeste Ihrer Altersklasse. Chapeau! Zum Ausklang und Abschluss gibt es bei strahlendem Sonnenschein für alle das wohlverdiente Weizen Bier und die eine oder andere „Kalorienbombe“. Wieder einmal sind alle von dem Rennen restlos begeistert und die Hauptsache: Alle sind sturzfrei und gesund ins Ziel gekommen!

Auch die nachfolgenden Tage hat unsere sportliche Leitung um Mario Kummer wieder fantastische Strecken für uns ausgetüftelt. Am Montag nach dem Rennen kämpfen wir uns am vermeintlichen Ruhetag über den Falzarego Pass. Oben sind wir im tiefsten Nebel und bei eisigem Wind froh über jede wärmende Schicht am Körper. Am Ende der Runde stehen immerhin 50 km und 1300 Höhenmeter zu Buche. Für den Dienstag hat sich die sportliche Leitung noch einmal eine Traumrunde zum Fuße der Marmolada ausgetüftelt. Für die Plackerei über den ziemlich steilen Fedaia Pass mit Steigungen bis zu 16% werden wir mit einem grandiosen Ausblick über den Fedaiasee auf das Gletscher-Massiv der Marmolada entschädigt. Nach insgesamt 90 km und 2500 Höhenmetern trudeln wir wieder glücklich und kaputt ins Hotel ein.

Am Mittwoch sausen wir geschlossen durch das Grödnertal hinab, um auf den Spuren des diesjährigen Giro-Bergzeitfahrens auf die wunderschöne Seiseralm zu fahren. Nach intensiven Rad-Tagen werden die Pausen doch länger und die Teller voller. Der Rückweg zum Hotel hält noch mal die eine oder andere Rampe (oder Zwicker wie man im Allgäu zu sagen pflegt) für uns parat, bis wir uns spätestens im Aufstieg zum Sella- und darauffolgenden Grödnerjoch dem Ende unserer Reserven und dem Ende unseres Events nähern. Da hilft mir auch der Spruch „Watts Up ?“ auf der Radhose meines Berliner Mitstreiters Michael, der unmittelbar vor mir fährt, nicht mehr wirklich weiter - Akku leer ! Auf meinem Tacho logge ich zum Abschluss noch einmal stattliche 90 km und 2600 Höhenmeter.

Bei einem abermals vorzüglichen Abendessen mit der einen oder anderen Flasche Wein lassen wir die Erlebnisse der vergangenen Tage Revue passieren und richten unsere Blicke radsport-typisch schon wieder auf die nächsten Ziele. Der Radsportkalender 2017 bringt uns in Schwierigkeiten: Der Maratona steht gleichzeitig mit dem Grand Depart der Tour de France in Düsseldorf auf dem Programm. Eine Abstimmung zeigt eine kleine Mehrheit für ein Club TdC-Event im Rahmen des Grand Depart. Zur Beruhigung der Gemüter versichern wir uns aber schnell noch einmal bei unserem sportlichen Leiter Mario Kummer, dass wir auch nach einem Jahr des eventuellen „Aussetzens“ wieder eine Chance auf die begehrten Startplätze beim Maratona haben. Egal ob Novize oder alter Hase, alle sind sich einig: Der Maratona ist ein einzigartiges Rennen mit einer ganz eigenen Atmosphäre in einem Traumrevier, welches man einfach jedes Jahr wieder fahren möchte.  Die Chancen stehen also sehr gut, dass es den Club TdC spätestens in 2018 wieder in die Dolomiten zieht. Ich freue mich schon darauf!

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